Bewahrer des Welterbes

Er zieht eine beige Arbeitsschürze und blaue Gummihandschuhe an, bestreicht das Aquarellpapier mit einer lichtempfindlichen Emulsion und lässt es trocknen. Cyanotypie, nach den typisch cyanblauen Farbtönen benannt, heißt das alte fotografische Edeldruckverfahren. 2018 hat es die UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Dann misst er die Lichtstärke, stellt die Blende und Bildschärfe ein und beginnt zu zählen: 20…21… . Ich soll die Augen schließen, bei 22 öffnen und dann in die Kamera schauen. Nun muss ich ganze acht Sekunden still halten. So lange ist bei diesen Lichtbedingungen die Verschlusszeit der „Globica II“, eine Großformatkamera des Unternehmens Pentacon aus der ehemaligen DDR. Einmal Blinzeln darf ich, ohne dass ich das Bild dadurch ruiniere. Ich halte die Luft an. Acht Sekunden können lang sein. Nun ist das Negativ auf einer Glasplatte, die sich in der Kamera befindet.

Fotografie ist Handwerkskunst

Stefan Vaupel befüllt mehrere auf Wasser schwimmende Plastikschalen mit verschiedenen Flüssigkeiten, macht das Licht aus und die Rotlichtlampe an. Er bewegt das gerade auf Glasplatte entstandene Negativ auf dem Wasserbad leicht hin und her, damit sich die Entwicklerflüssigkeit gleichmäßig verteilt. Er stellt den Timer auf acht Minuten. Es folgen weitere chemische Entwicklungsschritte: ein Stopp-Bad, noch mal ein paar Minuten Fixierung und das finale Wässern. Später wird das Negativ im Kontakt zum beschichteten Aquarellpapier belichtet und heraus kommt ein Positiv – so die Kurzfassung. Ich beobachte ihn bei der Arbeit und verstehe, warum er sagt, dass der Weg zum Foto für ihn Entspannung ist. Es hat durchaus etwas Meditatives. Es geht natürlich auch schneller, wenn man das Bild direkt auf Nassplatte, Film oder ein Positivpapier aufnimmt. Als ich später mein Bild – aufgebracht auf Fotoplatte – sehe, finde ich es sehr intensiv, stark in Ausdruck und Tiefe. Es ist kunstvoll und anders als die Fotos, die sonst von mir gemacht werden. Man sieht die Handarbeit, die darin steckt. Diese Aufnahme ist eine besondere Erinnerung – für einen selbst oder zum Verschenken.

Fotokünstler mit kostbaren Kameras

Stefan Vaupel überlegt sich genau, was er zu tun hat, damit das gewünschte Bild entsteht – das fertige Motiv hat er bereits im Kopf, bevor er die Kamera aufbaut und auf den Auslöser drückt. Natürlich könnte er mit einer Digitalkamera auch 400 Aufnahmen machen und diese nachträglich mit Effekten bearbeiten, aber es geht um das Handwerk „Fotografieren“. Er mag die Arbeit mit den Geräten und das Haptische. Seine neueste Errungenschaft ist die Großformatkamera „Chamonix Giant“ (Bildformat 50 mal 60 cm), die den Wert eines Kleinwagens hat. Sie wurde neu gebaut, jedoch nutzt er beim Fotografieren mit ihr ein Objektiv aus dem Jahr 1896. Neu und alt verbindet er bei seiner Ausrüstung gerne. Derzeit wird in Norwegen eine neue Studiokamera für ihn gebaut, die Bilder im Format 20 mal 25 Zentimeter macht. Damit möchte er auf dem diesjährigen Jugendstilfestival Porträts von Besuchern anfertigen.

Ein „Aha-Moment“ in der Kindheit

Schon im Alter von 10 Jahren hat ihn die analoge Fotografie fasziniert. Dazu gebracht hat ihn sein Vater. Er nahm ihn in die Dunkelkammer mit. Die einzelnen Arbeitsschritte zu beobachten und zu sehen, wie das Bild nach und nach entsteht, das war ein „Aha-Moment“ für ihn. Mit einer Kleinbild-Kamera hat er angefangen zu fotografieren und entwickelte seine Bilder schon damals selbst. Während der Ausbildung und der Studienzeit ging es dann mit Mittelformat und schließlich auch mit Großformat weiter. Das Besondere an Großformatkameras: In der Größe vom Negativ wird auch das Positiv angefertigt und das gibt den Bildern eine besondere (Un-)Schärfe und Tiefe.

Der Name ist Programm

„Via Imaginis – Fine Art Photography“ heißt sein Unternehmen, was so viel heißt wie „Weg des Bildes“. Fine Art Photography, also kunstvolle Fotos auf hochwertigen Materialien, sind sein Spezialgebiet. Geld verdient der zweifache Vater noch nicht wirklich damit, deswegen arbeitet er hauptberuflich als Informatiker bei einer Bank in Frankfurt. Gemeinsam mit Bekannten, die sich ebenso der analogen Fotografie widmen, hat er seit diesem Jahr in der Nähe des Bad Nauheimer Bahnhofs in einer Jugendstilvilla Räume angemietet, in denen sich Fotostudio und Labor befinden sowie High-End-Trommel-Scanner, PC und Drucker. Stefan Vaupel fertigt Aufnahmen seiner Kunden mithilfe alter Druckverfahren an, bietet Einzelcoachings in Großformatfotografie und analoger Verarbeitung an. Wer noch alte Dias im Keller hat, kann seine Fotoschätze auch von ihm digitalisieren und im intensiven Großformat drucken lassen.

Bad Nauheim Blog: StadtGesichter
Autorin: Katharina Wagner


0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Keine Kommentare gefunden!