Newsletter

Was ist los in Bad Nauheim? Mit unserem Newsletter bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Sprudelnde News – Uffbasse

Events, Tipps und mehr aus Bad Nauheim – darüber informiert der Newsletter der Bad Nauheim Stadtmarketing und Tourismus GmbH.

Unsere Newsletter-Geschichte

Die Kurzgeschichte „Kur mit Schatten“ der Wetterauer Autorin Luise Link erzählt von einem Kuraufenthalt in Bad Nauheim. Mit jeder Newsletter-Ausgabe können Sie einen Teil der Geschichte lesen und zusammen mit der Hauptfigur die Stadt entdecken.

Kur mit Schatten – Teil 3

Ein freies Wochenende

 

Hauptsache gesund, hatte Oma immer gesagt. Bevor sie Anfang sechzig gestorben war. Gesund, fast, das war Lis. „Ein bisschen einen Burnout haben Sie“, hatte Doktor Schmidt gemeint. „Ich schick‘ sie mal zur Kur, da tun Sie etwas nur für sich.“ Lis würde sich drei Wochen auf sich selbst konzentrieren. Von allen Verpflichtungen befreit sein. In aller Ruhe nachdenken können. Das hatte sie sich gewünscht, aber jetzt gefiel es ihr nicht. Das hatte natürlich auch mit dem Fragebogen zu tun, den sie gestern Nacht in dem „Magazin für die Frau ab vierzig“ angekreuzt hatte. Mann, Kind, Arbeit, gesund. Die Glücksformel. Und fünfundsiebzig Prozent Fehlanzeige bei Lis. Ihre Auswertung hatte sechs Punkte ergeben - und Glück begann erst bei elf. Zu allem Überfluss war in einem der Bücher, das sie sich für die Reise mitgebracht hatte, die getrocknete erste Gerrit-Rose aufgetaucht. Das hatte ihr den Rest gegeben. Sie nahm sich vor, an Omas Devise zu denken. Beim Frühstück ließ sie es bei Kaffee und einem Brötchen bewenden, obwohl alles so appetitlich und proper hergerichtet war.

 

„Wie weit ist es denn zum Zentrum?“, fragte sie die ältere Dame, die heute am Tresen an der Rezeption stand.

„Meinen Sie das Zentrum von Bad Nauheim?“ Die Rezeptionistin warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

„Ja, die Innenstadt von Bad Nauheim“, bestätigte Lis.

„Das ist hier eine Kleinstadt, wenn auch heute ausnahmsweise viel los ist, Frau…“, sie wusste nicht weiter.

„Frau Danski.“

„Ja, also, hier können sie eigentlich alles zu Fuß erlaufen. Es gibt natürlich auch Busse, aber die brauchen Sie hier nicht. Und Bewegung ist ja gesund.“ Lis nickte der Dame zu. Bevor diese zu weiteren Belehrungen ansetzen konnte, verließ sie schnell das Hotel.

 

Lis hatte sich an der Rezeption eine Broschüre eingesteckt, die einen Stadtplan enthielt. Zunächst würde sie zu den Kolonnaden laufen, da war die Touristeninformation. Die hatten hoffentlich geöffnet, an einem Samstag. In der Stadt herrschte ziemliches Getümmel. Vor der Touristeninformation stand eine große Gruppe von Leuten zusammen, einige davon in auffallendem Look, Kleidern aus den 50er, 60er Jahren. Lis lief zum Schalter und erkundigte sich.

„Die Führung ‚Auf den Spuren von Elvis‘ geht in fünf Minuten los. Die ist immer sehr interessant, der Führer kennt sich bestens aus, das können Sie in keinem Buch lesen. Und die bereitet Sie auch sehr schön auf die anderen Programmpunkte des Elvis-Festivals vor.“

Ein glücklicher Zufall, gleich am ersten Tag ein Festival mit allerlei Rummel, die Kleinstadt bunt, fast weltstädtisch. Lis kaufte schnell ein Ticket.

 

Auf den Spuren von Elvis

 

Die Führung hatte schon begonnen. Lis reihte sich hinter der Schlange ein, die sich gemächlich in Bewegung gesetzt hatte. Immer wieder blieb man stehen, es gab interessante Einzelheiten zu den Orten, an denen sich Elvis Presley aufgehalten hatte, aber Lis hörte nur mit halbem Ohr zu. Das war alles vor ihrer Zeit gewesen, sie kannte nur einen Song von dem amerikanischen Sänger, ‚Love me tender‘. Die Gruppe war allerdings bunt gewürfelt. Ganz jung, mittelalt und alt. Bei der letzten Station, an der Villa Grunewald, als der Führer die Gäste gerade verabschiedet hatte, trat ein Herr zu ihr, zwischen mittelalt und alt. Man konnte dies nicht so genau ausmachen. Er hatte seine spärlich verbliebenen Haare mittels großzügig benutzten Gels in der Mitte des Kopfes in Andeutung einer Tolle nach hinten gekämmt. Seine Augen waren beschattet von einer überdimensionierten Sonnenbrille. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit Elvis-Porträt auf der Brust, das seinen Bauchansatz nicht verhüllen konnte, weil es in eine knapp sitzende schwarze Lederhose gesteckt war. Komplettiert wurde der Look durch braune, spitze Cowboystiefel.

 

„Wir kennen uns doch, gnädige Frau.“ Nicht nur der Herr, sondern auch die Masche war alt. „Nun schauen Sie mich nicht so zweifelnd an.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab. Es war der Mann aus dem Zug, der ihr den Koffer heruntergeholt und getragen hatte. Den hätte sie hier zu allerletzt erwartet. „ Sie wundern sich, nicht wahr. Ich bin ein eingefleischter Elvis-Fan. Komme jedes Jahr hierher. Ist immer eine Atmosphäre von Spaß, Aufregung und Liebe.“ Er lächelte und zwinkerte mit den Augen.

„War schön, Sie wiedergetroffen zu haben“, sagte Lis und wandte sich zum Gehen.

„Ich lade Sie ein, sich noch ein bisschen in der Stadt umzusehen. Das lohnt sich heute und morgen, glauben Sie mir. Die Wochen danach werden nicht so aufregend.“ Er zog etwas aus seiner Hosentasche, reichte ihr ein Faltblatt. Elvis-Festival 2015, Cadillac-Parade, Music-Contests, Modenschau mit Kleidung aus den 50er und 60er Jahren. Das Programm von heute. „Oder“, fragte er, „ haben Sie schon etwas Besseres vor?“

 

Nein, sie hatte gar nichts vor, außer allein und verlassen in einer fremden Kleinstadt herumzuirren. „Nein“, antwortete sie, „ich bin noch frei und für jede Aktivität zu haben.“ Als der Satz ihren Mund verlassen hatte, wusste sie schon, wie dämlich sie sich ausgedrückt hatte. Der ältere Herr deutete eine Verbeugung an, lächelte. „Dann kommen Sie, gnädige Frau. Ich freue mich. Ich freue mich sehr.“ „Sie verstehen mich nicht“ oder „Sie haben mich gründlich missverstanden“ – das hätte Lis gerne gesagt. Aber der agile Herr war schon vorangegangen und winkte ihr mit dem Arm nachzufolgen. Vielleicht konnte sie die Sache später richtigstellen. Trotz seines Alters hatte ihr heutiger Weggefährte einen schnellen Schritt. Er hatte den Weg zur Parkstraße eingeschlagen, jetzt ging es die Karlstraße entlang und dann links zum Café Bienenkorb. „Ist Pflichtprogramm, seine Torte hier zu essen. So kann man seinem Lebensgefühl nachspüren.“ Zur Cadillac Parade kamen sie gerade noch rechtzeitig. Sie ergatterten einen der letzten Stehplätze an der Kurstraße. Der Corso war nun auch wirklich sensationell. Rosafarbene, himmelblaue, grau-weiße Cadillacs mit hübschen und hübsch gekleideten Mädchen, im Look der fünfziger Jahre auf den Rücksitzen, fuhren vorbei. Und immer wieder Musik. Alte Elvis-Songs.

 

Lis spürte den Blick ihres Begleiters auf sich ruhen. Einmal legte er sogar den Arm auf ihre Schultern, um sie auf eine junge Frau in besonders hübschem Bleistiftkleid aufmerksam zu machen. Die Vertrautheit, die der Mann offensichtlich empfand – Lis war sie unendlich unangenehm. Aber einfach weggehen, weglaufen, das war in diesem Gewusel von Menschen, wo Körper an Körper gepresst war, unmöglich. „Wenn das hier vorüber ist“, sagte er, „dann kommen Sie doch noch mit zum Hotel. Dort zeige ich Ihnen etwas.“ Er griff wie selbstverständlich ihren Arm und schob sich mit ihr durch die sich allmählich auflösende Menschenmenge. Sollte sie schreien? Was hatte er vor? Er war doch für so etwas eigentlich zu alt. Andererseits war es hell, viele Menschen unterwegs, was sollte schon passieren? „Trinken Sie mit mir noch eine Tasse Kaffee?“, fragte er. War das so ehrlich wie ‚Wollen Sie meine Briefmarkensammlung sehen‘? Sie blickte ihn von der Seite an, seine Sonnenbrille gab ihm etwas Verwegenes, aber die vielen Falten beruhigten sie. „Gern. Aber dann muss ich ganz schnell zurück, ich habe heute Abend noch etwas vor“, log sie.

 

Im Hotel angekommen, bestellte er Kaffee. „Ich gehe ganz schnell hinauf in mein Zimmer, ich muss etwas holen. Bitte warten Sie einen Augenblick auf mich.“ Lis nahm auf einem Sessel in der Lounge Platz. Er war schnell zurück, hatte einen Jutebeutel in der Hand. Die Sonnenbrille war verschwunden. „Sie werden sich gefragt haben, warum ich Sie so bedrängt habe mich zu begleiten.“ Sie schüttelte den Kopf, aber es wirkte sicher wenig überzeugend. „Und meine Maskerade hat Sie auch irritiert, nicht wahr? Ich bin in diesem Jahr zum ersten Mal allein beim Festival. Meine Frau ist vor zehn Monaten plötzlich gestorben, und irgendwie haben Sie mich an sie erinnert. Schauen Sie“, er holte ein großes, gerahmtes Foto aus dem Beutel, „das ist meine Frau.“ Die Person auf dem Bild lachte, sah in dem schicken Bleistiftkleid noch jugendlich und attraktiv aus, obwohl man ahnte, dass sie schon älter war. Sie sah Lis tatsächlich ähnlich. „Als ich bei der Führung war“, fuhr er fort, „ habe ich plötzlich Angst bekommen, dass die Erinnerung an gemeinsame Zeiten mich übermannt und ich, wenn ich noch länger bleibe, anfange zu heulen. Passiert mir nämlich inzwischen öfter mal. Im Alter hat man näher ans Wasser gebaut, nicht?“ Er lachte, aber es klang nicht heiter. „Und dann habe ich Sie gesehen. Danke, dass Sie mitgekommen sind, ich hatte mich schon so lange auf die Parade gefreut. Mit Ihnen habe ich mich fast so gefühlt, als sei meine Frau wieder bei mir, wenigstens ein kleines bisschen. Um unserem gemeinsamen Lebensgefühl von früher nachzuspüren, verkleide ich mich auch. Für Augenblicke hole ich dann das Gefühl der Zukunft, von nicht aufgebrachter Zeit zurück. So war’s zum Freuen und nicht zum Heulen, und wir haben meine öffentliche Blamage verhindert.“ Er drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite und wischte mit einem Taschentuch über die Augen.

 

Lis lächelte den Mann an, erleichtert, auch ein bisschen beschämt. Und komischerweise auch ein bisschen enttäuscht. War er also gar nicht hinter ihr her gewesen, hatte sie nicht verführen wollen, sie hatte ihn nur an seine sicher fast siebzigjährige Frau erinnert. Was war sie für ein Schaf! „Meine Frau und ich, wir waren hier viele Jahre zur Kur, weil ich schon immer ein wenig mit dem Herzen zu tun hatte. Meine Frau, die hatte nie etwas, war immer gesund wie ein Fisch im Wasser. Und dann stirbt sie am Herzschlag. So aus heiterem Himmel. Nun, das muss ich erst einmal verkraften, und Sie haben mir heute ein bisschen dabei geholfen. Also noch einmal, danke.“ Er stand auf. „Ich habe Ihre Zeit jetzt genug beansprucht. Werde mich noch ein Weilchen hinlegen. Sie können durchs Hotel zur Kurhausterrasse laufen und in den Park, das wird Ihnen gefallen. Ist durch die alten Bäume immer schön kühl da.“ Er deutete eine etwas altmodische Verbeugung an und verschwand.

 

Womit mal wieder bewiesen wäre, dass alte Regeln nicht stimmen müssen, dachte Lis. Erste Eindrücke können täuschen. Was der alte Mann für seine Frau empfand, die Beständigkeit der Liebe über den Tod hinaus, das bewunderte Lis und machte sie traurig zugleich. Warum hatte sie nie einen Mann festhalten können? Warum war sie jetzt schon wieder kurz vor der nächsten Single-Phase? Hatte sie nur immer wieder Pech oder lag es an ihr?

 

Fortzetzung folgt...

 

Über die Autorin

Luise Link lebt in Rockenberg/Hessen. Die ehemalige Lehrerin der Henry Benrath-Schule in Friedberg hat bisher acht Bücher veröffentlicht – vier Erzählbände (Erzähl Dir Zeit; Erzähl Dir ZeitGeschichten), einen Kurzroman (Die Farm der Hühner. Fabelhaftes aus Hessen), zwei Satiren (Self-Publisher-Blues; Werden Sie wichtig! Ein satirischer Ratgeber) und ein Sachbuch (Sie wollen ein Buch schreiben? Literarische Technik für Einsteiger).

Außerdem war sie jeweils mit mehreren Beiträgen an den lokalen Anthologien Unterwegs in Bad Nauheim, Unterwegs in der Wetterau, Fantastische Landschaften. Die Wetterau beteiligt.

Die Geschichte als Download

Kur mit Schatten - Teil 3
1,02 MB
Kur mit Schatten - Teil 2
336,01 KB
Kur mit Schatten - Teil 1
597,59 KB