Lilian Gish (1896-1993)

Das Weltbad Nauheim haben im Laufe der Zeit viele berühmte Persönlichkeiten besucht. Zu Beginn der dreißiger Jahre gehörte dazu zweifellos die amerikanische Filmschauspielerin Lilian Gish.

Die Bad Nauheimer Kurliste vermerkt vom 24. Mai bis 1. Juli 1931 und vom 11. August bis 14. September 1932 jeweils die Anwesenheit von „Miss Lilian Gish aus New York“ im Sanatorium Groedel. Die Künstlerin suchte nach anstrengender Filmtätigkeit Linderung ihrer Herzerkrankung. Unter der Obhut des international bekannten Kardiologen Prof. Dr. Franz M. Groedel, der ihr aus New York bekannt war, erholte sie sich fernab vom Filmtrubel Zusehens.

Ein Augenzeuge von damals berichtete von der zierlichen Gestalt der jungen Frau mit dem dunkelblonden Bubikopf, deren Lippen stets ein freundliches Lächeln umspielte. Nach dem morgendlichen Solebad und der anschließenden Ruhestunde verließ sie täglich zur Mittagszeit das Sanatorium in der Terrassenstraße um in einer nahe gelegenen Buchhandlung die neueste Ausgabe der Zeitung „The New York Herald Tribune“ zu erwerben. Schließlich wollte sie auch während ihrer Abwesenheit von New York über das Geschehen in der Millionenstadt informiert sein. Eine Zeitzeugin die damals im Bereich der hauseigenen Physiotherapie des Sanatoriums Groedel tätig war, erinnerte sich an den überaus angenehmen Umgang mit dem Filmstar. Miss Gish habe die deutsche Sprache fließend beherrscht, ihr Auftreten sei zurückhaltend und bescheiden gewesen.

Gemessen am Erfolg hätten ihr schon einige „Starallüren“ zugestanden, konnte sie doch damals bereits auf eine fast 20jährige Filmkarriere zurückblicken. Als Kinderstar stand sie schon mit sieben Jahren auf der Bühne. Von 1912 bis 1922 wirkte Lilian Gish in mehr als siebzig Stummfilmproduktionen ihres Entdeckers D. W. Griffith mit. Von MGM heiß umworben wechselte sie 1924 zu Regisseur King Vidor und war seitdem der „Star“ der Metro-Goldwyn-Mayer-Filmgesellschaft. Ab 1930 trat der Tonfilm seinen Siegeszug an. Bis dahin hatte die zart und zerbrechlich wirkende Künstlerin, die „ewige Kindfrau“ ihr Publikum allein durch Gesten und das Mienenspiel ihres faszinierenden Gesichtes begeistert, auch ohne zu Hilfenahme der Stimme. Doch Lilian Gish gelang mühelos, was vielen Schauspielern nicht glückte, sie setzte ihre Arbeit auch beim Tonfilm erfolgreich fort.

Diesen Karriereabschnitt hatte Miss Gish gerade hinter sich, als sie in den beiden aufeinander folgenden Jahren in Bad Nauheim zur Kur weilte. Auf Bitten der Kurdirektion ließ sich der prominente Gast im Park des Sanatoriums Groedel und im Sprudelhof fotografieren. Kurdirektor Friedrich Meyer begleitete den Star beim Rundgang durch die Jugendstilanlagen und zur Besichtigung der Sprudelkammer.

Beleuchten wir nun weitere Stationen im langen Leben von Lilian Gish. Noch in den dreißiger Jahren wandte sie sich neben ihrer Filmtätigkeit auch dem Medium Radio zu und gab 1948 ihr Debüt im amerikanischen Fernsehen. In einem Interview gestand das Naturtalent einmal, sie habe niemals Schauspielunterricht gehabt. Auch ihr Leben und ihre Karriere habe sie so nicht geplant, sondern einfach nur gespielt. 1970 erhielt die Künstlerin einen Oscar für ihr Lebenswerk. Sie bereiste die ganze Welt und hielt überall Vorträge über das Handwerk der Schauspielerei. Ihr Einsatz in Sachen „Filmkonservierung der täglichen Nachrichten“ als wichtiges Zeitdokument fand großen Anklang. In den achtziger Jahren erhielt Lilian Gish mehrere bedeutende Ehrenpreise der Medienindustrie als Anerkennung für ihre Arbeit. Sie gilt noch heute als „das Gesicht der Stummfilmzeit.“ Bis zum Ende ihrer künstlerischen Laufbahn drehte sie rund 100 Filme und spielte in 50 Bühnenstücken die Hauptrolle. Über 90-jährig spielte sie 1987 an der Seite von Bette Davis in einer Fernsehbearbeitung die sensible Altersstudie „Wale im August“. Ihre aktive Karriere dauerte von 1912-1987, also 75 Jahre, sie war nur ein Jahr älter als der Film selber.
Am 27. Februar 1993 starb Lilian Gish im Alter von 97 Jahren in New York.

© Brigitte Faatz