Prinzessin Louise Sophie

Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen (1866 - 1952)

„Die Fahrradprinzessin“ - Licht und Schatten eines Lebens

Louise Sophie wurde als Tochter des Herzogs Friedrich zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg am 8. April 1866 in Kiel geboren. Sie kam in einer Zeit des politischen Umbruchs zur Welt. Der Vater musste, nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864, die Hoffnung auf ein selbstständiges Fortbestehen des Herzogtums aufgeben. Zuerst von Dänemark beansprucht, kam es unter preußische Hoheit und wurde schließlich von Preußen einverleibt. Zwar resigniert, aber doch wegen seiner Freundschaft mit dem damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (dem späteren Kaiser Friedrich III) mit Preußen ausgesöhnt, zog sich der Herzog auf seinen Landsitz Schloss Primkenau im Kreise Sprottau zurück. Hier verlebte die Prinzessin mit ihren Geschwistern, darunter auch die spätere Kaiserin Auguste Viktoria, unbeschwerte Jugendjahre. Ihre Erziehung war von hohen Idealen geprägt, Pflichttreue, unbedingte Gradheit, Vornehmheit der Gesinnung, Güte und Milde walten zu lassen im Sinne des christlichen Glaubens, gehörten ebenso dazu, wie praktische Haus- und Gartenarbeiten oder eine musische Ausbildung. Größtenteils nahmen die Eltern die Unterweisungen selbst vor, die normale schulische Ausbildung lag in den Händen mehrerer Hauslehrer. In dieser Zeit begründet liegt auch die zeitlebens beibehaltene Vorliebe der Prinzessin für Sport. Besonders das Radfahren hatte es ihr angetan, es brachte ihr im Familienkreis den Spitznamen „Fahrradprinzessin“ ein. Ihre Vorliebe für Eissport hätte sie in späteren Jahren beinahe das Leben gekostet.

Im Lichterglanz des Kaiserhauses
Die Heirat ihrer Schwester Auguste Viktoria mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen (dem späteren Kaiser Wilhelm II) 1881 rückte die herzogliche Familie unvermutet in den Lichterglanz des Kaiserhauses. Eine weitere Annäherung kam dann durch die Heirat der Prinzessin Louise Sophie mit dem Preußenprinzen Friedrich Leopold, einem Vetter des Kaisers, aus der „Glienicker Linie“ zustande. Die Trauung fand am 24. Juni 1889 in Berlin statt.

Der Familiensitz, Park und Schloss Klein-Glienicke, herrlich gelegen an der Havel und nur durch die Glienicker Brücke von Potsdam getrennt, wurde nach Umbauten das Domizil des jungen Paares. Hier schenkte sie in den Jahren 1890 bis 1895 vier Kindern, einer Tochter und drei Söhnen, das Leben. Hohe gesellschaftliche Wellen schlug im Winter 1895/96 ein Ereignis das tragisch hätte enden können. Der Wunsch nach sportlicher Betätigung in frischer Luft ließ die inzwischen vierfache Mutter bar jeder Vernunft handeln. Die zugefrorene Eisfläche des nahe gelegenen Griebnitzsees lockte zum Schlittschuhlaufen. Nur von einer Hofdame begleitet begab sich die Prinzessin auf das Eis. Das Unglück nahm seinen Lauf, sie brach ein und wäre um ein Haar ertrunken. - Der spitzen Feder einer adeligen Dame der Berliner-Hofgesellschaft ist die Überlieferung dieser Episode zu verdanken. In deren Erinnerungen spielt allerdings das darauf folgende „kaiserliche Donnerwetter“ über so viel Unvernunft eine größere Rolle, als die Tatsache dass dieses Ereignis beinahe die halbe Familie ausgelöscht hätte. Warum? Die Prinzessin beabsichtigte ursprünglich ihre beiden älteren Kinder in einem Schlitten über das Eis zu ziehen, dass diese nicht rechtzeitig fertig angezogen waren, rettete ihnen das Leben.- Glück im Unglück?

Licht und Schatten eines Lebens. Neben ihren eigenen Verpflichtungen als Schlossherrin und im Kreise ihrer Familie stand Louise Sophie ihrer Schwester häufig bei Repräsentationsaufgaben zur Seite oder vertrat sogar die Kaiserin, besuchte Hospitäler und soziale Einrichtungen. Alles in allem gehörte wohl die Zeit bis 1914 zu ihren glücklichsten Jahren. Die Familie erblühte, Schwiegerkinder und Enkel kamen hinzu. Doch dies sollte nicht lange so bleiben. Der erste Weltkrieg brach an. Die beiden ältesten Söhne der Familie standen im Feld. 1917 erlag der Zweitgeborene im Alter von nur zwanzig Jahren seiner schweren Verwundung, die er als Flieger im Luftkampf um England erhalten hatte. 1923 starb ihre einzige Tochter Prinzessin Viktoria Margarete an den Folgen einer schweren Grippe; die geschiedene Frau hinterließ zwei kleine Kinder. Ihr wird eine heimliche Liebe zum Kaisersohn August Wilhelm nachgesagt, die beiden wollten heiraten... Prinz Friedrich Sigismund, der älteste Sohn, war wie seine Mutter ein begeisterter Sportler. Neben Leichtathletik und der Fliegerei war es besonders der Reitsport der ihn begeisterte. Dies sollte ihm zum Verhängnis werden, im Sommer 1927 stürzte der erfahrene Military-Reiter so unglücklich dass er an den dabei erlittenen inneren Verletzungen starb. Er hinterließ eine Tochter, Prinzessin Luise und einen Sohn und Erben, Prinz Friedrich Karl, heute die beiden letzten Nachfahren dieses Familienzweiges.

Doch mit all diesen Schicksalsschlägen sollte das Leben von Prinzessin Louise Sophie noch nicht genug beeinflusst sein. Mit dem Tode ihres Mannes 1931 und dem Generationswechsel vom Großvater zum minderjährigen Enkel, in der Stellung des Familienoberhauptes sollte die letzte Phase der tragischen Familiengeschichte eingeleitet werden, an deren Ende Flucht und Vertreibung aus der Heimat standen. Das Aufkommen der Nationalsozialisten, die den Mitgliedern des ehemaligen Kaiserhauses durchaus ablehnend gegenüber standen, besiegelte dieses Schicksal.

Nazis zahlten „Spottpreis“ für das Schloss
1939 kam es zu einer Quasi-Enteignung von Schloss und Park Klein-Glienicke. Prinz Friedrich Karl als noch nicht volljähriger Erbe von „schlechten Beratern“ umgeben, wurde auf Betreiben hoher Parteifunktionäre gezwungen den Besitz zu einem Spottpreis an die Partei zu verkaufen. Die Familie musste das Schloss räumen und die Prinzessin bezog ein Haus in Neu-Fahrland bei Potsdam. Dort verlebte sie die Kriegsjahre. Die Repressalien der Nazis gegen Mitglieder des ehemaligen Herrscherhauses begannen immer mehr zuzunehmen. Schließlich wurde ihr Sohn Prinz Friedrich Leopold von der Gestapo verhaftet. Man riet der Prinzessin auf dem Besitz ihres Sohnes bei Imlau im Salzburger Land Zuflucht zu suchen. - Ihren Lebensweg in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren lückenlos darzustellen verbietet die spärliche Quellenlage. Der Aufenthalt bei einer befreundeten Adelsfamilie in Nordkirchen ist ebenso erwähnt wie eine, auf abenteuerlichen Wegen verlaufene, Flucht nach England. Beides ist jedoch zeitlich nicht einzuordnen.

Eine Entscheidung des Herzens traf Prinzessin Louise Sophie im Herbst 1948. Die Sehnsucht nach ihrer Heimat ließ die inzwischen 82-jährige in das sowjetisch besetzte Potsdam zurückkehren. Auf das ihr zustehende Wohnrecht pochend überließen ihr die nunmehr im Haus einquartierten Russen nur ein kleines Zimmerchen. Hier lebte die Prinzessin zwei Jahre unter schwierigsten Verhältnissen. Sie baute in ihrem Garten Gemüse an und freute sich am Gedeihen der Pflanzen. Die Russen vernichteten jedoch ihre Arbeit kurz vor der Ernte. Sie wich dem Druck und verließ Potsdam. Unfall und Krankheit zwangen sie zur Rückkehr, zunächst ins österreichische Imlau.

Der Weg nach Bad Nauheim
Wieder bleiben nur Vermutungen ob der Rat des Sohnes, vielleicht aber auch nur die angenehmen Erinnerungen an Aufenthalte in unserer Stadt die alte Dame nach Bad Nauheim zurückkehren ließen. Ja, richtig zurückkehren! In den Jahren 1916 und 1917 gehörte die Familie zu den prominentesten Kurgästen der Saison. So meldete die hiesige Zeitung am 4. September 1917 voller Stolz das Eintreffen der hohen Herrschaften. Der junge Preußenprinz war im Vorjahr bereits zweimal für jeweils 4-5 Wochen zum Kuraufenthalt anwesend gewesen. Dabei hatte sich Prinzessin Louise Sophie jeweils auch für einige Tage hier aufgehalten.

Man wohnte, einschließlich Begleitung und Dienerschaft, standesgemäß im elegantesten Haus am Platze, in Jeschkes Grand Hotel. Prinz Friedrich Leopold bevorzugte die Zeiten Frühjahr und Herbst für seine Reisen in unsere Kurstadt. In den Monaten April bis Juni 1917 besuchte ihn zeitweise seine Schwester Viktoria Margarete mit ihrem Ehemann Prinz Heinrich Reuß. Zuletzt weilte er alleine, im Herbst 1918 hier.

Im Nachkriegs-Bad Nauheim meldet das gerade wieder erscheinende Badeblatt in seiner Ausgabe vom 26. November 1949 erstmals den Aufenthalt von Louise Sophie in der Villa Höper, Auguste-Viktoria-Straße 3
Ob zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung schon gefallen war den Wohnsitz ganz nach hier zu verlegen, ließ sich aus den Meldeunterlagen nicht einwandfrei feststellen.
Die Prinzessin bezog, nachdem sie innerhalb kurzer Zeit mehrfach die ortsansässigen Pensionen gewechselt hatte, zwei Zimmer in der ersten Etage (auf der Westseite) des Hauses. Die bekannt familiäre Atmosphäre des Hauses soll ihr sehr gut gefallen haben. Zeitzeugen, darunter ihr behandelnder Arzt und seine Gattin, die sich einer intensiven Freundschaft mit der Prinzessin erfreuen durften, berichteten auf die Frage nach ihrer Wesensart, sie sei ein lieber einfacher Mensch gewesen, mit einer eigenen adeligen Ausstrahlung. Zwar völlig verarmt und aufgrund körperlicher Schwäche auf die Hilfe einer Pflegerin angewiesen, jedoch mit wachem Geist und nie versiegendem Humor meisterte sie ihren nicht einfachen Lebensabend. Sie las viel und verfolgte die damaligen politischen Vorgänge mit eigenem Urteil. Am kulturellen Leben, wie Aufführungen des legendären „Zimmertheaters“ im Hotel Rex, in der Reinhardstraße, sah man die Prinzessin teilnehmen und sich sichtlich amüsieren. Sie war dazu in großer Abendgarderobe erschienen. Ob in der Eingangshalle der Villa Höper sitzend, im Kurpark oder auf der geschäftigen Parkstraße unterwegs, inzwischen verstorbene Zeitzeugen erinnerten sich gut und wussten bei ihrem Erscheinen durchaus, um „wen“ es sich handelte.

Von der sich wieder formierenden Schar der Preußenanhänger blieb insbesondere der 85. Geburtstag von Louise Sophie, im Jahre 1951, nicht unbeachtet. Den Besuchern ist ihr Humor und ein „phänomenales Gedächtnis“ besonders in Erinnerung geblieben.

Am 28. April 1952 verstarb die Prinzessin in ihren Räumen in der Villa Höper und wurde, ihrem eigenen ausdrücklichen Wunsch entsprechend, auf dem Bad Nauheimer-Friedhof beigesetzt. Am 2. Mai folgten dem Sarg, der einzige noch lebende Sohn Prinz Friedrich Leopold und zwei der Enkel, Prinzessin Marie Louise Reuß und Prinz Friedrich Karl von Preußen. Warum Louise Sophie nicht in der Familiengrabstätte im Schlosspark von Klein-Glienicke beigesetzt wurde, ist nicht bekannt. Vielleicht wollte sie nicht auf einen Besitz zurückkehren, der ihr nicht mehr gehörte.

Die Grabstätte der Prinzessin, im alten Teil des Friedhofs gelegen, genoss lange Jahre die Pflege eines hiesigen Fachunternehmens. Auch als der Vertrag ausgelaufen war und fällige Gelder von der Familie ausblieben, schaute der inzwischen verstorbene Nauheimer Gärtner immer noch mal unentgeltlich nach dem Rechten. 1992 war die Ruhezeit abgelaufen, das Grab wurde vom städtischen Grünamt mit auf die Liste der zu räumenden Gräber gesetzt. Grund genug für Interessierte der drohenden Abräumung entgegenzutreten. Ein Appell an die Verantwortlichen der Stadt brachte nach einem Magistratsbeschluss vom 1. Februar 1994 die positive Entscheidung zugunsten des Erhaltes. Seitdem gehört die Ruhestätte der Prinzessin zu den geschützten Grabstätten der Stadt Bad Nauheim und wird den Vorgaben entsprechend gepflegt und bepflanzt.

© Brigitte Faatz