Erich Kästner (1899-1974)

Briefe aus einem Herzbad

Wie geht es dir? Es ist schon reichlich spät.
Der Doktor fände sicher, dass es schadet.
Das Pferd von droschke 7, heißt es, badet.
Und selbst die Hunde leben hier diät.

Sogar der Luft entzieht man Koffein!
Das Atmen wird dadurch fast ungefährlich.
Es ist ja leider noch nicht ganz entbehrlich.
Wie einfach mir das Atmen früher schien...

Seit gestern nehm ich täglich zwölfmal ein.
Nichts einzunehmen, wäre das Verkehrteste.
Hier nehmen alle ein. Sogar die Ärzte!
Der eine soll so reich wie Morgan sein.

Das Schönste sind die kohlensauren Bäder.
Zehntausend Perlen sitzen auf der Haut.
Man ähnelt einer Wiese, wenn es taut.
Kann sein, es nützt. Das merkt man erst viel später.

Ich inhaliere auch. Das ist gesund.
Da sitzen Herren, meistens hochbejahrt,
mit Kinderlätzchen vor dem Rauschebart
und Porzellanzigarren fesch im Mund.

Des weiteren mach ich die Brunnenkur.
Das Wasser schmeckt wie Hering mit Lakritzen.
Dann bleibt man, wie vom Blitz erschlagen, sitzen,
und die Kapelle schwelgt im „Troubadur“.

Wer da nicht krank wird, darf für trotzig gelten.
Der Doktor Barthel untersucht mich oft,
weil er noch dies und das zu finden hofft.
Er ist der Chef. Wir sind die Angestellten.

Ich sehne mich nach einem Glase Bier.
Nach dir natürlich auch. Doch ich muss baden.
Kneif dich, in meinem Auftrag, in die Waden.
Was war denn noch? Ja so: Wie geht es dir?



Auszug aus einem Brief Erich Kästners vom 6. Mai 1970
an den damaligen Bad Nauheimer Kurdirektor Dr. Kleinert

„ ... soweit ich mich aus eigener Erfahrung und in Reimen über Herzinsuffizienz geäußert habe, hängt das mit wiederholten Aufenthalten in Bad Nauheim zusammen. Meine Teilnahme am zweiten Teil des Ersten Weltkrieges als Fußartillerist hatte meinem Herzmuskel ziemlich mitgespielt, so dass ich in den ersten zwanziger Jahren wiederholt in Nauheim Kur machen musste. Sehr wichtig waren damals für mich drei Faktoren: 1. behandelte mich Professor Groedel, der ja für Nauheim und für die Patienten sehr wichtig war; 2. befolgte ich seine Kuranforderungen nicht, sondern lernte stattdessen auf den Plätzen hinter dem Kurhaus Tennis spielen. Und 3. verschönte ich mir die späten Abende durch nahezu regelmäßige Besuche der Hupfeldbar. Diese etwas ungewöhnliche Kurkombination bewirkte endlich, dass ich meine lädierte Gesundheit wieder in Ordnung brachte. Ich kann eine solche Dreiteilung jungen Herzpatienten nur empfehlen.“


Die vollständig vorhandenen Melderegister des Stadtarchivs Bad Nauheim wurden im Zeitraum 1920 bis 1933 unter den Namen „Kästner“ und „Augustin“ (Geburtsname der Mutter, den Kästner als Pseudonym benutzte), durchgesehen. Die Aufenthalte von Erich Kästner sind nur für die Jahre 1930 (vom 2. - 30. Juli) und 1932 (vom 2. Juni – 6. Juli) nachzuweisen. Der Schriftsteller wohnte jeweils in Begleitung seiner Mutter Ida in der „Villa Kurbrunnen“, (Pensionsinhaber: Kindel-Witte), Kurstraße 23. Der behandelnde Arzt war der international bekannte Herzspezialist Prof. Dr. Franz M. Groedel. Die Erinnerungen Kästners an „wiederholte Kuraufenthalte in Bad Nauheim, in den ersten zwanziger Jahren“ bleiben daher weiterhin nicht nachweisbar.