Windmühlenturm an der Langen Wand

Windmühlenturm an der Langen Wand

Der Windmühlenturm zwischen den Gradierbauten IV und V ist neben dem Sprudelhof ein weiteres Wahrzeichen Bad Nauheims und zeugt von besonderer historischer Bedeutung.


Vier Stockwerke und insgesamt 24 Meter hoch – der Windmühlenturm an der „Langen Wand“, wie die Bad Nauheimer die Gradierbauten IV und V in der Schwalheimer Straße nennen, ist ein imposantes Bauwerk.

— Vereinte Wind- und Wasserkunst

Der Turm ist das bauliche Überbleibsel der Windmühle, die in früheren Zeiten Sole auf das Gradierwerk pumpte. Errichtet wurde er zwischen 1742 und 1745 im Zusammenhang mit dem großen Wasserrad in Schwalheim.

Verbunden mit einem kilometerlangen Holzgestänge bilden sie eine technische Einheit. Nahezu 80 Jahre lang drehten sich die Windmühlenflügel und übertrugen ihre Energie auf die Solepumpen, bis 1824 ein Orkan die Turmkappen mit den Gebäudeflügeln zerstörte.

Infobox

Dr. Thomas Schwab erklärt: „Unter bergmännischen Künsten verstand man bis ins 19. Jahrhundert alle Maschinen und technischen Einrichtungen im Bergbau. Dazu gehörten auch die Windkünste (Windmühlen) und die Wasserkünste (Wasserräder). So waren die in Nauheim angelegten Gräben, die das Wasser von dem Fluss Usa zu den Wasserrädern leiteten, die sogenannten „Kunstgräben“ und das Schwalheimer Gestänge war das „Kunstgestänge“. Die für die Wartung der Wasserräder und Windmühlen verantwortlichen Angestellten der Saline waren der Kunstmeister oder der Grabenmeister.

— Neue Flügel für den Windmühlenturm

Der Turm soll seine Flügel zurückbekommen und wieder zur Windmühle werden. Bald wird die Wiederherstellung nach historischem Vorbild starten – dank des ausdauernden Engagements des Vereins Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim e. V. Der Vereinsvorsitzende Dr. Thomas Schwab und seine zehnköpfige Projektgruppe haben das Bauvorhaben mit viel Zeit, Energie und Begeisterung vorangetrieben, angefangen von der bereits 2004 entstandenen Idee über viele Behördenwege bis hin zur im März 2021 erteilten Baugenehmigung. Das nächste große Ziel: die Finanzierung sichern. Rund 500.000 Euro wird es kosten, etwa die Hälfte ist gedeckt, aber es werden noch Fördermittel vom Land und weitere Spenden benötigt.

— Einzigartig in Hessen, Deutschland und Europa

Für die Rekonstruktion haben Bad Nauheimer Architekten sowie Statiker und ein Mühlenfachmann genaue Pläne erstellt, die dem Windmühlenturm sein historisches Aussehen aus dem 18. Jahrhundert wiedergeben: Die derzeitige Turmkappe wird durch eine mit Holzschindeln gedeckte Turmkappe ersetzt werden. Vier aus einem Holzgerüst bestehende Flügel (jeder hat eine Länge von 9 Metern) werden montiert und wie einst zeitweise mit Segeltuch bespannt, sodass sie sich im Wind drehen können.

Der Verein plant, die Besegelung der Windmühle erstmal an den Wochenenden durchzuführen. Außerdem wird eine Galerie in halber Höhe rund um den Turm nach altem Vorbild neu errichtet. Die elektrischen Pumpen im Untergeschoss des Turmes befördern weiterhin die Sole auf die Gradierbauten.

Nach ihrer Wiederherstellung wäre die Windmühle an der Langen Wand die einzige ihrer Art in Hessen und Deutschland – außerdem die südlichste Windmühle der Bundesrepublik. Und auch in Europa wäre sie einzigartig: Nirgendwo auf dem europäischen Kontinent existiert eine Kombination zwischen einem Wasserrad und einer Windmühle, deren gemeinsame Aufgabe es ist, mit Wind- und Wasserkraft ein Pumpwerk zu betreiben – das gibt es nur in Bad Nauheim.

— Blick hinter die Turmtür

Über das Jahr verteilt gibt es einige beliebte und gut besuchte Veranstaltungstermine, an denen sich die Türen des Windmühlenturms für Besucher öffnen. Dazu gehören in der Regel der deutschlandweite Mühlentag im Mai, die Tage der Industriekultur im August oder den Tag des offenen Denkmals im September. An diesen Aktionstagen bieten die Vereinsmitglieder um Dr. Thomas Schwab öffentliche Führungen an, bei denen Sie mehr über die faszinierende Geschichte und Technik des einmaligen Bauwerks verraten. Die Termine sind im städtischen Online-Veranstaltungskalender zu finden.

Mehr Infos

Via Website www.wind-wasserkunst-badnauheim.de und Facebook www.facebook.com/wwkbn informiert der Verein über das Bauprojekt und seine Arbeit.

Autor / Autorin
Katharina Wagner
Katharina Wagner
Die Bad Nauheimerin lernt durch das Schreiben für den Blog ihre Heimatstadt noch einmal neu kennen: „Ich treffe interessante Menschen, die Interessantes machen oder zu erzählen haben, und ich bekomme spannende Einblicke in Unternehmen und Einrichtungen, die ich vorher so nicht hatte. Das macht Spaß.“ Katharina Wagner ist freiberufliche Redakteurin (Online, Print, Social Media und TV), seit ihrer Kindheit großer Elvis-Fan und sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und den zwei gemeinsamen Kindern in Nieder-Mörlen.