Inklusion geht uns alle an | © Magistrat
lebenswert

Inklusion geht uns alle an

67% der Menschen mit Behinderungen treffen sich in ihrer Freizeit nicht mit anderen.
8. Januar 2021

Hannah ist 13. Gemeinsam mit ihrer Mutter Sara und ihrem siebenjährigen Bruder Felix wohnt sie seit einem Jahr in einem Mehrfamilienhaus am Rand der Innenstadt. Seit der Scheidung von ihrem Mann arbeitet Sara halbtags als Verkäuferin und kommt finanziell gerade so zurecht. Große Sprünge kann die kleine Familie nicht machen, Markenklamotten oder ein cooles Handy für Hannah sind nicht drin. Mit anderen aus ihrer Klasse kann die Dreizehnjährige nicht mithalten. Sie schämt sich deswegen und reagiert häufig trotzig und abweisend, wenn jemand sie anspricht. In der Klasse ist sie zunehmend isoliert, nach der Schule sitzt sie meistens allein in ihrem kleinen Zimmer und starrt Löcher in die Luft.

So wie Hanna geht es zahlreichen Schülerinnen und Schülern. Vor allem hohe Mieten führen dazu, dass Menschen vieler Berufsgruppen wie Busfahrer*innen, Verkäufer*innen oder Pflegekräfte zwar für das Funktionieren der Infrastruktur unserer Gesellschaft unverzichtbar sind, von ihrem monatlichen Einkommen aber nicht allzuviel für die Freizeitgestaltung übrigbleibt. Da muss dann genau überlegt werden, ob man sich den Kinobesuch leisten kann, wenn doch schon bald neue Schuhe gebraucht werden, oder ob es möglich ist, in den großen Ferien für ein paar Tage wegzufahren, einen bescheidenen Urlaub zu machen.

Eine aktive Freizeitgestaltung ist allerdings nicht nur vom Geld abhängig. Hannahs Bruder Felix träumte davon, ein großer Fußballer zu werden. Direkt nach dem Umzug der Familie nach Bad Nauheim hat seine Mutter seinem Drängen nachgegeben und ihn im Fußballverein angemeldet. Das Projekt endete in Tränen, denn dem kleinen schmalen Jungen fehlten die Voraussetzungen für den Sport, er wurde beim Training oft ausgelacht und war schon bald völlig frustriert. Doch er hatte Glück: Sein Trainer riet der Mutter, Felix beim Judo anzumelden, weil dort körperliche Stärke und kräftige Ellenbogen keine Rolle spielen. Beim Judo kann Felix nun seine angeborene Wendigkeit einsetzen, er fühlt sich anerkannt und hat auch bereits Freunde gefunden.

67 Prozent der Menschen mit Behinderung bleiben in ihrer Freizeit allein
Menschen die Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen, ist eine komplexe Aufgabe. Fehlendes Geld, fehlende Fähigkeiten, Sprachbarrieren, Ängstlichkeit aufgrund altersbedingter Einschränkungen, Krankheitsfolgen, eine körperliche Behinderung – es gibt vielfältige Gründe, weshalb Menschen sich nicht trauen, einem Verein beizutreten, Vorträge, Konzerte oder Theateraufführungen zu besuchen, sich politisch oder allgemeingesellschaftlich zu engagieren. Sie ziehen sich in sich und in ihr beengtes Wohnumfeld zurück, obwohl sie doch gerne Teil der Gesellschaft sein möchten.

Eigentlich gäbe es für alle diese Menschen entsprechende Möglichkeiten. Oft ist es die mangelnde Kenntnis des Angebots, oder es fehlt der Mut, etwas aus eigenem Antrieb zu unternehmen. Das ist der Auftrag an uns alle: Schauen wir, jede und jeder in ihrem/seinem persönlichen Umfeld, mit offenen Augen, ob wir dazu beitragen können, Hindernisse, Hemmungen und Grenzen abzubauen, damit Freizeit allen Menschen Spaß bringen kann und Gemeinschaftsgefühl entsteht.

Inklusion kommt uns allen zu Gute. Lassen Sie uns gemeinsam heute handeln, damit wir morgen selbstbestimmt leben können!