Wie Hannelore Müller sich integriert | © Magistrat
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Wie Hannelore Müller sich integriert

Interkulturelle Wochen starten mit türkisch-deutschem Theaterstück in Bad Nauheim
9. September 2020

Zum Auftakt der Interkulturellen Wochen 2020 im Wetteraukreis zeigte der Verein Rumi Kultur e.V. in Kooperation mit dem Wetteraukreis und der Frauenbeauftragten der Stadt Bad Nauheim Patricia Mayer das türkisch-deutsche Comedy-Theater „Almanya, ich liebe dich“.

Bürgermeister Klaus Kreß begrüßte die Gäste am Freitagabend in der Trinkkuranlage und wies auf das bedeutsame Werkzeug „Sprache“ hin. Wie gefährlich, wie verstörend und wie zerstörend Sprache sein könne, ohne dass wir uns dessen bewusst seien. Sprache könne aber auch ganz anders sein: eine wunderbare Möglichkeit, all ihre guten und unguten Wirkungen fühlbar und sichtbar zu machen, sie aufs Korn zu nehmen und so darzustellen, dass wir darüber lachen könnten.

„Almanya, ich liebe dich“, das vom Theater-Ensemble „Halber Apfel“ dargeboten wurde, schildert komisch und tiefgründig das Leben der Familie Öztürk, bedroht von Arbeitslosigkeit und der Auflösung traditioneller Familien- und Rollenschemata. Hinter der Komik stehen immer wieder typische Erfahrungen in Migrantenfamilien, wenn zum Beispiel der Vater vor einer deutschen Anruferin vom Amt in wilder Panik sich von der Tochter verleugnen lässt und zu fliehen versucht, weil seine Sprachkenntnisse für diese Situation nicht ausreichen. Die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt Hannelore Müller, wie sich bald herausstellt, auch die Wohnungsnachbarin der Öztürks, begegnet der Familie sowohl privat wie auch dienstlich mit befremdetem Unverständnis. Das wird sich ändern. Im Kontakt mit den Öztürks gewinnt sie Einblick in eine andere Kultur, in andere Traditionen und Lebensformen. Am Ende ist sie ein Teil einer gemeinsamen Lebenswelt mit den Öztürks geworden.

Nach vielen Lachern wurde es für einen Moment still im Konzertsaal, als der Schauspieler, Autor und Regisseur Murat Isboga in seiner Rolle als Familienvater Ali Öztürk melancholisch davon erzählt, wie er als 13-Jähriger in der Türkei Abschied vom Vater genommen hat, als dieser mit seinem Holzkoffer in den Zug nach Deutschland steigt, wo man ihn als „Gastarbeiter“ angeworben hat. Eine ambivalente Grunderfahrung, wie sie Hauptbestandteil der meisten türkischen Familiengeschichten ist.

Jobsuche, Ausbildungsproblem, Ehestreit – alles Themen bei den Öztürks, die sich auf eine wochenlange Reise zu den Verwandten in der Türkei freuen. Beklemmend und überraschend dann der Moment, wo der Familienvater einen Anruf erhält. An seinen Tränen und seiner Mimik lässt sich auch ohne Worte ablesen: sein Vater ist gestorben. Die Angel, die ihm Hannelore Müller geschenkt hat, damit er Kindheits-träume jetzt nach Jahrzehnten mit seinem Vater nachholen kann, wird unbenutzt bleiben.

Die Meinungen der Gäste an diesem Abend waren übereinstimmend: „Isboga versteht es, den Deutschen und den Türken den satirischen Spiegel vorzuhalten, der kulturelle Wahrheiten mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln wiedergibt.“ Am Ende des Theaterabends gab es viel Applaus für die Veranstalter und vor allem für das Ensemble „Halber Apfel“.