Seit 37 Jahren legt er im „Tanz-Club König“ auf

Es ist Freitag kurz nach 19 Uhr. Die neusten Lieder und Schlager-Klassiker von Helene Fischer, den Amigos, Michelle und Andrea Berg klingen aus den Lautsprechern und die Discokugel wirft bunte Lichtpunkte auf die Tanzfläche. Marian Jagielski steht hinter dem DJ-Pult, vor ihm zwei CD-Player und zwei Laptops mit rund 15.000 Liedern. Kurz nach Öffnung tanzen schon die ersten Paare Discofox. Rund um die Tanzfläche stehen Tische mit gepolsterten Stühlen, auf den Tischen Gläser mit Salzstangen und Kerzen sorgen für ein stimmungsvolles Licht. Die Getränke werden hier noch am Tisch serviert. Die Atmosphäre ist gemütlich, nostalgisch, freundschaftlich und locker. Jeder kennt jeden, so ist der Eindruck.

Von Rom über Hanau nach Bad Nauheim

Seit 1960 ist der gebürtige Pole (Warschau) in Deutschland. In Polen hatte Marian Jagielski einen Job als Regieassistent beim Fernsehen und war mit der Crew zu den Olympischen Spielen nach Rom gereist, um an einer Dokumentation über den polnischen Boxer Zbigniew „Piskorz“ Pietrzykowski mitzuarbeiten. Dieser kämpfte im Halbschwergewicht-Finale gegen Cassius Clay (Muhammad Ali) um Gold und verlor. Marian Jagielski wollte von Rom aus nach Deutschland, hatte jedoch noch kein Visum. Er wusste sich nicht anders zu helfen und fragte im Vatikan um Rat. Dort sagte man ihm, dass in München gerade eine katholische Großveranstaltung stattfand. So bekam er als Teilnehmer ein Visum, reiste dorthin, und als er die Geburtsurkunde seines Vaters vorzeigte - er war Schlesier - bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft.

„Manchmal kommen Elvis-Fans in den Tanz-Club und fragen mich, wie damals die Zeit mit Elvis Presley war, ob ich ihn auch mal getroffen habe. Dann sage ich oft ‚Mensch, was haben wir hier zusammen gefeiert‘. Das ist natürlich geflunkert, denn ich bin ja erst seit 1974 in Bad Nauheim, aber die Geschichte kommt gut an.“ – Marian Jagielski

Vom Gläserspüler zum Geschäftsführer

Als er nach Deutschland kam, sprach er so gut wie kein Deutsch, aber Marian Jagielski lernte die Sprache schnell – durch die Arbeit in der Gaststätte und vom Fernsehen. Erste Gastronomie-Erfahrungen sammelte er in Hanau im Tanzlokal „Nordbahnhof“. Dort spülte er Gläser, arbeitete hinter der Theke, bis er irgendwann Geschäftsführer wurde. 1974 verschlug es ihn nach Bad Nauheim. Zuerst übernahm er die „Jägerstube“ (die er in „Calypso Bar“ umbenannte), dann führte er 20 Jahre lang das Tanzlokal „Edelweiß“. 1982 wurde er Pächter des „Tanz-Club König“. Das ist 37 Jahre her. Damals war die Tanzfläche viel kleiner, und es gab abgetrennte Räume. Er hat Wände herausgenommen, damit das Lokal großzügiger wirkt, außerdem hat er eine lange Theke eingebaut, deren Barhocker auch an diesem Abend alle besetzt sind. Er hat sehr viel Arbeit in – wie er sagt – „sein Baby“ gesteckt.

Ein Ort der Begegnung

Jeden Freitag kommt sie aus Haiger-Burbach, um hier zu tanzen. Mariella ist 45 Jahre alt und freut sich die ganze Woche „auf die Musik und auf die Menschen“. Sie und Freundin Danuta aus Bad Nauheim sind zwei von vielen Stammgästen, die schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten kommen. Auch Gaby ist regelmäßig im Tanz-Club. Sie liebt „den Frohsinn, die Stimmung und die Menschen hier“. Es ist fast „wie Familie“. Die wenigsten Gäste sind übrigens aus Bad Nauheim selbst, die Mehrheit hat eine etwas längere Anreise, zum Beispiel aus Marburg, Hanau, Offenbach oder Limburg. Den Weg nehmen sie gerne auf sich, denn der „Tanz-Club König“ – so sagen sie alle einhellig – ist „etwas Besonderes“. Drei Abende in der Woche hat er geöffnet: Donnerstag ist „Damenwahl“, am Freitag „Single-Treff“ und am Samstag gibt es „heiße Rhythmen“ zu hören. Die Liebe zum Tanzen und der Musik verbindet: Viele Pärchen haben sich hier gefunden – und auch getrennt. Manchmal wechseln die (Tanz-)Partner.

„Wir sind so froh, dass wir ihn haben. Er versprüht immer gute Laune. Er ist so ein positiver Mensch.“ – Mariella, Stammgast

Das letzte verbliebene Bad Nauheimer Tanzlokal

Er ist noch von der alten Schule, hält die Tür auf, hilft den Damen in den Mantel und rückt den Stuhl zum Hinsetzen zurecht. Dabei hat er stets ein nettes Wort für seine Gäste und ein Lächeln auf den Lippen. Marian Jagielski ist in seinem Tanzclub in seinem Element. Im September wird er 87 Jahre alt, ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. Er hält sich durch tägliche Spaziergänge mit seinem Hund fit und einmal pro Woche geht er zur Entspannung in die Sauna. Er möchte weitermachen, bis er als ältester DJ der Welt einen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“ bekommt und solange auflegen, bis er eines Tages „hinter dem DJ-Pult umkippt“. Gab es in den achtziger Jahren noch 16 Tanzlokale in der Kurstadt, gibt es heute nur noch seins. Und Marian und seine Gäste wünschen sich, dass die Türen des letzten Bad Nauheimer Tanzlokals noch lange offen stehen.


Neugierig geworden? Hier könnt Ihr einen Blick in den Tanz-Club König werfen:

Bad Nauheim Blog: StadtGesichter
Autorin: Katharina Wagner


0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Keine Kommentare gefunden!