Vater und Tochter zusammen auf der Bühne

Er schaut ernst, zeigt auf sie, packt sie und befiehlt ihr in harschem Ton, den Weg in die Stadt zu verraten. Dabei geht er nicht zimperlich vor. Charlotte aber versteht es, denn sie ist auch ganz in ihrer Rolle drin. Sie und ihr Vater Gunnar Bolsinger proben zusammen mit vier weiteren Ensemble-Mitgliedern des Theaters Alte Feuerwache (TAF) die elfte Szene von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. Der 43-Jährige spielt einen von drei Soldaten, die eine Bauernfamilie überfallen, zu der Charlotte gehört. Dass ihr Papa sie in der Rolle anschreit und den Bösen spielt, macht ihr nichts, denn es gehört ja zum Stück. Getrennt haben sie schon einige Rollen gespielt, zusammen aber waren sie noch nie auf der Bühne in Aktion.

Auf Kommando weinen? Kein Problem!

Charlotte spricht gerne vor Leuten, auch Referate in der Schule machen ihr nichts aus. Sie ist anders als ihr Vater in dem Alter. Die 11-Jährige hat schon im Kindergarten Theater gespielt. Da war sie die „Elsa“ in „Die Eisprinzessin“. Sie geht noch zum Eiskunstlaufen, zu den Pfadfindern, sie schwimmt und singt gerne, aber das Schauspielern mag sie besonders. Zuhause wird schon mal mit Papa Gunnar und auch vor dem Spiegel geübt. Ihr absoluter Lieblingsplatz zum Textlernen ist der linke der zwei großen rotgoldenen Sessel, die im Badehaus 2 stehen. Hier finden die Proben und Aufführungen des TAF statt. Charlotte kann auf Kommando losweinen, dazu denkt sie „an etwas Trauriges, ohne wirklich traurig zu sein“. Damit kann sie sogar ihren Vater täuschen – so echt wirkt das Weinen. Ihr Berufswunsch steht schon fest: Sie möchte Schauspielerin werden – eine ganz berühmte.

„Mein Leben begann nochmal neu mit dem Theaterspielen. Vorher war ich sehr schüchtern, konnte nicht aus mir rausgehen, und das hat sich dadurch geändert.“ – Gunnar Bolsinger

Ein neues Leben dank der Schauspielerei

Als Schüler hat Gunnar Bolsinger die „Bauernoper“ im Kurtheater gesehen, sich „richtig in die Zeit zurückversetzt gefühlt“ und war gepackt von der Stimmung im Saal. Das wollte er auch machen. Seine erste Rolle spielte er an der Ernst-Ludwig-Schule im Stück „Oliver Twist“. Durch das Theaterspielen begann das Leben für ihn nochmal neu. Er wurde auf einmal anders wahrgenommen, plötzlich haben sich Mädchen für ihn interessiert. Mit 20 Jahren bekam er beim Theater Alte Feuerwache eine Nebenrolle in Brechts „Dreigroschenoper“. Seitdem ist der gelernte Bankkaufmann, der bei einer Bank in der Unternehmenskommunikation arbeitet, mit Begeisterung dabei. Er verbringt wöchentlich mindestens einen halben Tag im TAF.

Ein eingespieltes Team

Im schrillen Musical „Der kleine Horrorladen“ hat Gunnar Bolsinger im Jahr 2001 den sadistischen Zahnarzt Orin Scrivello verkörpert. Seine Lieblingsrolle. Das verrückte Lachen des Zahnarztes hat er heute noch drauf, und ab und zu lacht er so auch zuhause – sehr zur Freude von Charlotte. Sie mag es, wenn ihr Papa Quatsch macht, klar. Überhaupt sind Vater und Tochter ein tolles Team. Das merkt man auch im Interview. Sie ergänzen sich gut. Schon als kleines Kind war Charlotte fast immer bei den Mitglieder-Versammlungen des TAF dabei, wie auch bei den Proben. Und schon früh zeigte sie großes Interesse am Theaterspielen: Den Text der Rolle, die ihr Vater einmal in Goethes „Faust“ spielte, hatte sie schneller gelernt als er selbst. Und das ist nun wirklich keine leichte Kost.

Den aktuellen Spielplan des TAF gibt es auf der Webseite unter www.taf-badehaus2.de

Bad Nauheim Blog: StadtGeschichten
Autorin: Katharina Wagner


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