KW46 – Kunstausstellung und Abrissparty

Seit Jahren hat hier kein Auto mehr getankt. Die Farbe an den Gebäuden blättert ab. Die Schrift auf den Schildern verblasst. Die Tanksäulen stehen schon lange nicht mehr. Das Gelände am Ortsausgang von Nieder-Mörlen liegt brach, aber jetzt tut sich was. Bevor hier etwa Mitte des Jahres alles abgerissen wird und neue Gewerbeflächen und Wohnungen entstehen, steigt am 8. und am 9. März in der Tankstelle und den ehemaligen Geschäftsräumen die „KW46“ – auch wenn sie dieses Mal in der Kalenderwoche 10 gefeiert wird. Die Kombination aus Kunstausstellung und Abrissparty gibt es seit 2015 und setzt abrissreife Locations auf ungewöhnliche Weise noch einmal in Szene.

Leer stehende Tankstelle wird zum Gesamtkunstwerk

Esra Edel geht aufmerksam durch die ehemalige Tankstelle. Er hat eine Spraydose in der Hand, mit der er potenziell gefährliche Stellen gelb markiert. Abstehende Schrauben müssen herausgedreht, herabhängende Rohre abgeschnitten, die Werkstattgrube und andere Stolperfallen abgesichert werden. Da ist noch einiges zu tun. Dieses Mal hatte sich die Location erst recht kurzfristig ergeben. So hat das Team nur sechs Wochen Vorbereitungszeit. Es muss aufgeräumt, gekehrt und die Elektrik installiert werden. Esra Edel hat als Projektleiter bei der „KW46“ den Hut auf, führt Gespräche und Verhandlungen und ist für die Koordination und die Organisation des fünfköpfigen Kernteams zuständig. Helfer gibt es noch zahlreiche mehr. Der 28-jährige Bad Nauheimer arbeitet hauptberuflich im Marketing eines Brettspiel-Verlags in Friedberg. Von Beginn an ist er beim Förderverein für Jugendkultur und Jugendarbeit, kurz JUKA e.V., mit dabei, der die „KW46“ veranstaltet. Inzwischen ist er erster Vorsitzender. Er möchte etwas für die Gesellschaft in Bad Nauheim tun. Zu sehen, dass der Verein in der Stadt etwas bewegen kann, motiviert ihn. Sein ganzer Freundeskreis ist beim JUKA e.V. involviert, der mittlerweile über 100 Mitglieder hat. Ein weiteres Projekt des Vereins ist das „Freiraum Festival“ für Kreative und Kunstbegeisterte, das Ende Mai wieder im Sprudelhof stattfindet.

„Last Generation“

„Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt und die letzte, die etwas dagegen tun kann.“ Das Zitat des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama ist das Motto der vierten „KW46“, denn die alte Tankstelle steht auch für Ressourcenverbrauch. Junge und gestandene Künstlerinnen und Künstler setzen sich kreativ mit der Zerstörung und dem Schutz der Umwelt auseinander. In den verschiedenen Räumen werden Graffiti, Malerei und Fotografie zu sehen sein, Skulpturen aufgestellt und in den derzeit tristen Ort integriert und aufwendige Lichtinstallationen die Szenerie in ein atmosphärisches Licht tauchen. Dazu legen DJs aus der Region auf. Mitte Februar zeugt noch nicht viel davon, dass die verlassene Tankstelle bald ein Ort der Kunst ist. Ein bisschen Farbe haben die Künstlerinnen und Künstler außen und innen angebracht, und eine Botschaft ist schon sichtbar: „Es hat sich ausgebeutelt.“ So steht es in einem Raum mit bunter UV-Farbe geschrieben.

Abrissreifen Gebäuden die letzte Ehre erweisen

Schon die Fahrt im Shuttlebus nach Nieder-Mörlen gehört zum kreativen Party-Erlebnis dazu. Der Stadtbus bietet den Gästen eine kostenlose Sonderfahrt hin und wieder zurück (Streckenplan: https://www.juka-ev.de/fahrplan-stadtbus-kw46/) und wird dabei selbst zur Showbühne. Mit Livemusik werden die Partygäste auf der Fahrt unterhalten. Ein Service der Stadtwerke Bad Nauheim, die die Organisatoren auch mit kostenlosem Naturstrom unterstützen. Die Stadt Bad Nauheim, das Bundesprogramm „Demokratie leben“, der Wetteraukreis und das Architekturbüro Möller sind weitere Förderer der „KW46“ – dafür ist der Verein dankbar. Ohne Unterstützung wäre es nicht möglich, solch ein aufwendiges Kultur- und Kunstevent auf die Beine zu stellen. Bisher hat der JUKA e.V. der alten Parkinsonklinik, dem Vergölst-Gelände und dem Stoll-Gelände einen ehrwürdigen Abschied geboten. Wo die Party „KW46“ das nächste Mal stattfindet, steht noch nicht fest. Fabrikhallen, Lagerhäuser, verlassene Werkstätten oder Gelände, die kurz vor dem Abriss stehen, könnten dafür geeignet sein. Über Vorschläge freut sich Esra Edel (esra.edel@juka-ev.de).

Bad Nauheim Blog: StadtGeschichten
Autorin: Katharina Wagner


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