#Fliegen

Ein Tag im Fluglager des Aero-Clubs

Sein Blick ist konzentriert. Frederick Harbort schnallt sich den Fallschirm um und befestigt Bleigewichte an seinem Segelflugzeug, damit es ausbalanciert ist. Danach stellt er seinen Sitz richtig ein, um gut an alle Instrumente und Pedale zu kommen. Eine letzte Besprechung mit Fluglehrer Dirk Spöhrer und dann geht es auch schon los: Die Winde zieht das Segelflugzeug über die Startbahn und binnen weniger Sekunden hebt der 14-Jährige vom Flugplatz Ober-Mörlen ab. Alleine. Ohne Co-Pilot. Mit 14 Jahren darf er schon alleine mit einem Segelflugzeug fliegen. Für Frederick geht mit jedem Start ein Traum in Erfüllung.

„Das Gefühl der absoluten Freiheit ist unbeschreiblich. Die Welt mal aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen, das ist unbezahlbar.“ – Mark Bieler, Organisator Herbst-Fluglager

Teamarbeit und Mannschaftssport

Was einem sofort in den Sinn kommt, wenn man den Teilnehmern des Herbst-Fluglagers auf dem Flugplatz Ober-Mörlen zuschaut: Hier ist ein eingespieltes Team am Werk. Die Handgriffe sitzen und die Kommunikation unter den Mitgliedern des Aero-Clubs Bad Nauheim funktioniert. Damit einer starten kann, braucht es mindestens einen Startleiter, der ihn in die Luft bringt, einen Flugleiter, der am Funk sitzt und koordiniert, einen Windenfahrer und einen, der später die Seile zurückholt. Rund 350 Meter über dem Boden klinken sich die Segelflugzeuge aus. Nach der Landung bespricht Fluglehrer Dirk Spöhrer den Flug mit seinen Schülern. Mark Bieler, Organisator des Fluglagers, schaut zufrieden zu. Das Wetter ist gut und die Teilnehmer happy.

Ein früher Kindheitstraum wird wahr

Frederick wollte schon fliegen, seit er fünf Jahre alt ist. Seit Mai 2018 ist er Mitglied im Aero-Club Bad Nauheim und ist schon fast 90 Mal mit dem Segelflugzeug in der Luft gewesen. Wie seine Mutter möchte er später auch Berufspilot werden. In zwei Jahren hat er seinen Segelflugschein. Dann ist er 16 Jahre alt. Bei der Prüfung werden neben der Praxis neun Fächer abgefragt, u. a. Navigation, Luftrecht, Meteorologie und Technik. Das ist anspruchsvoll, aber für Frederick kein Problem, da das Fliegen ihm „einfach richtig Spaß macht“. Da fällt das Lernen leichter als für so manches Schulfach.

„Ich wollte schon selbst fliegen, seit ich fünf Jahre alt bin. Das war immer mein Traum“ – Frederick Harbort, 14 Jahre

Wer landen kann, kann fliegen

Fluglehrer an diesem Donnerstagvormittag ist Dirk Spöhrer, bereits seit 1976 Vereinsmitglied. Jetzt werden hauptsächlich Starten und Landen geübt, denn „wer landen kann, kann fliegen“. Dirk Spöhrer schaut entweder vom Boden aus zu oder fliegt auf dem Rücksitz eines Doppelsitzer-Segelflugzeugs mit. Da er dort die gleichen Instrumente wie sein Flugschüler hat, kann er in kritischen Situationen eingreifen. Die Schüler machen ihre Sache jedoch gut. Jeder Teilnehmer darf mehrmals am Tag starten. Die Theorie des Fliegens wird meist in den Wintermonaten vermittelt oder dann, wenn aufgrund des Wetters nicht geflogen werden kann.

Mit dem Flugzeug Verwandte besuchen

Der 24-jährige Student Philipp Riedl hat ebenso wie Frederick im Alter von 14 Jahren mit dem Segelfliegen angefangen. Die Faszination lässt ihn seitdem nicht mehr los. Er fliegt auch manchmal mit seiner Freundin nach Hildesheim, Verwandte besuchen. Der Flug dauert eine Stunde, die Standgebühr für das Flugzeug kostet dort nur drei Euro pro Nacht. Da ist eine Stunde Parken im Parkhaus einer Großstadt teurer. An diesem Tag hebt Philipp nicht selbst ab, sondern fungiert als Flugleiter beim Camp und sitzt am Funk. Anfliegende und abfliegende Flugzeuge melden sich bei ihm an und bekommen von ihm Infos darüber, ob z. B. noch jemand auf der Strecke ist oder wie die Windverhältnisse gerade sind.

Weltmeister im Segelkunstflug

Was vermutlich viele so nicht erwarten würden: Der Traum vom Fliegen ist bezahlbar. Die Mitgliedschaft für Jugendliche im Aero-Club Bad Nauheim kostet 51 Euro pro Jahr. Hinzu kommen eine Nutzungsgebühr und eine Versicherungsumlage. Die restlichen Kosten richten sich danach, wie viel man fliegt. Die Schulungsmaschine kostet inklusive Fluglehrer 7,20 Euro pro Stunde. Vereinseigene Flugzeuge – sechs Segelflugzeuge, zwei Motorsegler und ein Motorflugzeug – und rund 20 ehrenamtlich arbeitende Fluglehrer und engagierte Vereinsmitglieder machen es möglich, dass das Fliegen erschwinglich ist. Anders als andere Vereine hat der Aero-Club Bad Nauheim keine Nachwuchssorgen zu beklagen. Unter den knapp 300 Mitgliedern sind ca. 140 aktive Flieger und rund 30 Jugendliche zu finden. Ein Grund für den Erfolg sind sicherlich die regelmäßigen Aktionen des Vereins: der alle zwei Jahre stattfindende Flugtag, die aktive Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt die sehr guten Ergebnisse der Vereinsmitglieder bei Wettbewerben. So wurde kürzlich etwa Moritz Kirchberg Weltmeister im Segelkunstflug. Eine weitere Motivation für den Nachwuchs. Der Aero-Club Bad Nauheim bietet für Interessierte auch Schnupperflüge an. Mehr Infos gibt es auf www.aecbn.de.

Bad Nauheim Blog: StadtGeschichten
Autorin: Katharina Wagner


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