Die Dampflok und ihr bester Freund

Wenn der dunkle Rauch aus dem Schornstein der schwarz-roten Dampflok „Typ Bismarck“ aufsteigt, die Räder der 400 PS starken Lok über die Gleise rattern, sie in den Bahnhof Bad Nauheim Nord einfährt und das Signal ertönt, strahlen seine Augen. Stefan John hat seinen Kindheitstraum verwirklicht, kann sich Lokführer nennen und ist Vorsitzender des Vereins Eisenbahnfreunde Wetterau e.V. Jede freie Minute verbringt der 55-jährige Bad Nauheimer im Lokschuppen am Goldstein, wo auch der stattliche Vereins-Fuhrpark steht: eine Dampflok, drei Diesellokomotiven, mehrere Personen- und Güterwagen und Nebenfahrzeuge wie Draisinen und Zweiwegebagger.

„Sonst habe ich keine Hobbys“

Stefan John sitzt in dem Kessel der 115 Jahre alten Dampflok und leuchtet mit einer Stablampe gewissenhaft jeden Zentimeter ab. Seine Arbeitskleidung ist voller Ruß. Die Deckenstehbolzen, die die Feuerbüchse mit dem Kessel verbinden, müssen erneuert und der durchgerostete Aschkasten ausgetauscht werden. Seit dem frühen Samstagmorgen ist er schon zugange. Das Werkzeug für die diversen Arbeiten fällt mitunter sehr groß aus, die Tätigkeiten sind körperlich fordernd. Unter der Woche arbeitet Stefan John seit 15 Jahren im Vertrieb eines Elektrotechnik-Unternehmens in Erlangen, von Donnerstagabend bis Sonntag ist er in Bad Nauheim. Jedes Wochenende ist er hier - aus Liebe zu seiner Heimatstadt und zu seinem Hobby. Außer im Verein fährt er privat sonst übrigens nie mit Zug oder S-Bahn, sondern mit dem Auto.

Zu wenig Druck bedeutet Stillstand

Bei der Diesellok muss der Lokführer „nur die Knöpfe anstellen“, dann kann die Fahrt losgehen. Bei der Dampflok sieht das schon anders aus. Da sind Feingefühl und die richtige Abstimmung gefragt. Hier ist es wichtig, mit dem Wasserdampf den richtigen Druck auf die Zylinder zu erzeugen, sodass sich die Achsen der Lok in Bewegung setzen. Dafür ist der Heizer zuständig: Er schippt die Kohlen, hält das Feuer in Gang und sorgt auch für den richtigen Wasserpegel im Kessel. Passt er einmal nicht auf und wird der Druck zu niedrig, bleibt die Bahn stehen – und es braucht rund 30 Minuten, um alles wieder in Gang zu bringen.

Vom Schaffner bis zum Lokführer

Mit einer Modelleisenbahn im Keller des Elternhauses wurde Stefan Johns Leidenschaft schon früh geweckt. Die Geschichte „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ hat er als Kind geliebt. Später kaufte er sich jede Woche am Bahnhof Eisenbahnzeitschriften. Eines Tages sah er ein Werbeschild der Eisenbahnfreunde Wetterau und trat dem Verein bei. Das war vor 40 Jahren. Aber bevor er die historische Dampflok führen durfte, musste Stefan John verschiedene Stationen durchlaufen. Erst war er als Schaffner und Zugführer für die Ordnung an Bord zuständig, danach als Rangierer für das Koppeln der Wagen und Umsetzen der Loks. Nach bestandener Prüfung zum Diesellokführer folgte die Position des Heizers und schließlich durfte er sich Dampflokführer nennen.

Weltmeister im Handhebeldraisinenfahren

Bei so viel Leidenschaft für Züge ist es kein Wunder, dass Stefan John sofort zusagte, als der Hessische Rundfunk für einen Fernsehdreh bei ihm anfragte. Und so durfte der Bad Nauheimer vergangenes Jahr mit dem „African Explorer“ von Kapstadt nach Windhoek fahren und 14 Tage lang in dem historischen Sonderzug leben. Er lernte nicht nur Land und Leute kennen, sondern durfte auf der Reise auch ein paar Draisinen bewundern. Die haben es ihm besonders angetan. 2008 hat er im Handhebeldraisinenfahren sogar die Weltmeisterschaft gewonnen.

Immer viel zu tun

Bevor die Saison bald wieder losgeht, muss die gesamte Strecke zwischen Bad Nauheim Nord und Münzenberg kontrolliert werden. Auf den 20 Kilometern gibt es 15 Brücken, 50 Bahnübergänge und 30.000 Holzschwellen. Letztgenannte vermodern mit der Zeit und müssen daher regelmäßig ausgetauscht werden. Die Instandhaltung der Fahrzeuge und der Strecke ist eine nie endende Mammut-Aufgabe. Aber es lohnt sich – die Museumszugfahrten sind sehr beliebt. Gut besucht sind auch die Theaterfahrten „Zugluft“, ebenso gefragt sind individuelle Sonderfahrten zu Geburtstags-, Hochzeits- oder Firmenfeiern. Der Umsatz, den der gemeinnützige Verein erwirtschaftet, wird direkt wieder in die Instandhaltung der Maschinen und Strecke gesteckt. Übrigens: Ursprünglich wollte der Verein sich mit Modellbahnen beschäftigen, bis jemand spontan auf die Idee kam, auf große Eisenbahnen umzusteigen. Der Vorschlag gefiel, der Rest ist Geschichte.

Bad Nauheim Blog: StadtGesichter
Autorin: Katharina Wagner


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